COR
Reifegradmodell
Fünf Stufen beschreiben die Betriebsfähigkeit einer Organisation; das Kriterium ist nicht, welche Werkzeuge im Einsatz sind, sondern wo Wissen und Kontrolle liegen.
Der Kern des Entwurfs
Unterschiede in der Betriebsfähigkeit sind im Kern keine Unterschiede des technischen Niveaus, sondern des Ortes, an dem das Wissen liegt.
Ob ein Dienst läuft, sagt für sich genommen wenig; ob das Wissen im Kopf einzelner Fachkräfte liegt, in Dokumenten, in ausführbaren Regeln oder in einer sich selbst prüfenden Systematik, entscheidet darüber, wie die Organisation bei Personalwechsel, Wachstum und plötzlichen Vorfällen dasteht.
Fünf Stufen
| Stufe | Bezeichnung | Kriterium | Typische Anzeichen |
|---|---|---|---|
| L1 | Personenabhängig | Die Vorgehensweise steckt in einzelnen Fachkräften und ist nicht systematisch festgehalten. | Entscheidende Arbeiten kann nur eine bestimmte Person ausführen; ist sie im Urlaub, werden Änderungen eingefroren. |
| L2 | Dokumentiert | Die Vorgehensweise ist festgehalten, doch nichts stellt sicher, dass ihr in der Ausführung gefolgt wird. | Dokumente bestehen, sind aber überholt; dass die Realität von ihnen abweicht, bemerkt niemand. |
| L3 | Ausführbar | Regeln sind die Ausführungsgrundlage, Änderungen sind kontrolliert und protokolliert. | Arbeit erfolgt nach Regeln; Änderungen haben Plan und Protokoll; der Ist-Zustand ist mit dem Soll vergleichbar. |
| L4 | Nachweisbar | Erstellung und Abnahme sind getrennt, entscheidende Kriterien maschinell prüfbar. | Ausführende und abnehmende Seite sind getrennt; Kriterien ohne Ermessensspielraum sind als Prüfprogramme geschrieben. |
| L5 | Weiterentwickelnd | Aufzeichnungen fließen in die Regeln zurück, die Systematik verbessert sich selbst. | Vorfälle und Mängel führen zu Korrekturen auf der Regelebene; wiederkehrende Probleme sind erkennbar. |
Die Grenzen zwischen den Stufen
**Die Grenze von L1 zu L2 lautet: Ist es aufgeschrieben?** Die meisten Organisationen überschätzen sich an dieser Linie — Dokumente zu haben heißt nicht, dokumentiert zu sein; entscheidend ist, ob die Dokumente das enthalten, was bei der tatsächlichen Ausführung wirklich gebraucht wird, und ob sie mit der Realität übereinstimmen.
**Die Grenze von L2 zu L3 lautet: Wird dem Aufgeschriebenen tatsächlich gefolgt?** Das ist in der Praxis die am schwersten zu überschreitende Linie und zugleich die mit dem größten Ertrag. Das Kriterium ist nicht die Behauptung, alle hielten sich daran, sondern der Nachweis, dass sich zu jeder Arbeit angeben lässt, auf welche Fassung welcher Regel sie sich stützte.
**Die Grenze von L3 zu L4 lautet: Wird ein Fehler entdeckt, bevor er wirkt?** Dafür gibt es zwei Kriterien: ob Erstellung und Abnahme bei verschiedenen Rollen liegen, und ob Regeln ohne Ermessensspielraum bereits aus Text in ausführbare Prüfungen überführt wurden.
**Die Grenze von L4 zu L5 lautet: Wird die Systematik von selbst besser?** Das Kriterium ist der Rückfluss der Aufzeichnungen in die Regelebene: ob die Schlüsse einer Vorfallsaufarbeitung zu Regeländerungen geführt haben, ob wiederkehrende Probleme von einem Erkennungsmechanismus erfasst werden und ob verworfene Optionen samt Begründung für später festgehalten sind.
Bewertungsverfahren
Die Bewertung ist **belegorientiert**, nicht dokumentorientiert. Die prüfende Person akzeptiert nicht „wir haben dazu eine Regelung" als Beleg, sondern verlangt Aufzeichnungen tatsächlicher Arbeit: aktuelle Änderungsprotokolle, den Umgang mit fehlgeschlagenen Arbeiten, den Gleichlauf bei Überarbeitung von Regeln und die tatsächliche Ausgabe der Prüfmechanismen.
Das Ergebnis wird als Gesamtstufe und als Stufe je Bereich ausgewiesen. **Die Gesamtstufe ist die niedrigste der Bereichsstufen, nicht deren Durchschnitt** — denn Betriebsausfälle entstehen in aller Regel am schwächsten Glied, und ein Durchschnitt verdeckt genau das. Die Bereichsstufen werden einzeln ausgewiesen, damit die Organisation genau weiß, wo als Nächstes nachzubessern ist.
Der Bewertungszyklus beträgt zwei Jahre; bei erheblichen organisatorischen oder architektonischen Veränderungen kann zwischenzeitlich eine erneute Bewertung beantragt werden. Der Council stellt zudem ein Selbstbewertungswerkzeug ohne formale Wirkung bereit — es nutzt dieselben Kriterien wie die förmliche Bewertung, und Abweichungen im Ergebnis rühren meist von der Strenge des Belegmaßstabs her.